Wie ich Mountainbiker wurde

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Mountainbikefahren hatte mich eigentlich immer schon gereizt, trotzdem habe ich erst 2013 angefangen wirklich in die Materie einzusteigen. Heute würde ich mich immer noch als Anfänger bezeichnen, trotzdem Zeit mal zurückzuschauen wie alles begann.

Goldrad

Wenn man nur nach der Bezeichnung des Rads ging habe ich bereits mit 10 Jahren angefangen. Mein Jugendrad war eines jener Pseudo-MTBs der 90er-Jahre, die es mit ihren soliden Stahlrahmen zuverlässig schafften, trotz ausreichender Anzahl an Gängen, in der hiesigen Mittelgebirgs-Topologie jeglichen Spaß im Keim zu ersticken. Mit diesem Panzer war es ein Albtraum Anstiege zu fahren, etwas das einem hier am Rande des Sauerlands aber leider nicht erspart bleibt, egal in welche Richtung man auch will.

Dass die ganze Sache aber auch Spaß bedeuten kann, und ich nicht bis an mein Lebensende Radfahren auf eine Stufe mit Dingen wie zahnärztliche Wurzelbehandlungen stellte, liegt an dem Trek-Rad, das meine große Schwester irgendwann anschaffte. Leider war mein Spielraum als kleiner Bruder ihr teures Rad „auszuleihen“ verständlicherweise arg beschränkt, aber die Erkenntnis dass es mit dem richtigen Material anders sein kann war gereift.

Bob der Baumeister

Viele Jahre später, irgendwann im ersten Jahrzehnt der 2000er Jahre, sollte ich einen zweiten Versuch starten. Leider war mein Budget zu dieser Zeit immer noch arg überschaubar, und wurde eigentlich nur von meinem körperlichen Zustand unterboten. Jenseits von 20 kg Übergewicht, und zuverlässig versorgt von 20+ Zigaretten täglich, startete ich mit einem eBay-Schnapper (Kategorie Baumarkt) in das Abenteuer MTB.
In der Realität stellte sich meine Karriere leider so dar, dass ich ein paar mal fuhr (ich schätze jeweils zwischen 2 und 6 km) unterbrochen von Rauch- und Schiebepausen (auch in kombinierter Form) bis dann nach kurzer Zeit der Kurbelarm am Vierkant-Tretlager locker wurde, und aufgrund seiner überragenden Qualität direkt rund lief.

Die Kombination aus Mangel an Know-How, Motivation und Geld beförderte meinen heißen Ofen in die hintere Ecke der Garage, wo er die nächsten Jahre verbringen sollte.

Restart

Ein paar Jahre später, im Sommer 2013 hatten sich meine gesundheitlichen Voraussetzungen nicht grundlegend gebessert, wohl aber die Motivation.

Ich musste dringend abnehmen, unterstützend zur Ernährungsumstellung war Sport auch keine wirklich schlechte Idee. Joggen fiel aus, jeder der mal versucht hat völlig untrainiert und übergewichtig mit dem Laufen anzufangen wird bestätigen können, dass es ein harter Kampf ist – wenn man von der Belastung von Gelenken & Co mal absieht. Radfahren hingegen, in meinem Fall Mountainbiken, schien ideal geeignet als Einstiegsdroge, die Hürde ist nicht ganz so hoch, die Erfolge schneller erzielt.

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Kurz vor meinem Geburtstag, also Ende Juli, bestellte ich bei einem großen Versender ein Hardtail. Kein Spitzengerät, aber halt auch kein Baumarktbomber. Genug um mich als Anfänger viele hundert Kilometer zu begleiten, ohne dass es überfordert wäre.

Meine erste Tour führte ins nächste Dorf und zurück, in Zahlen knappe 5,5 km mit 160 hm. Ich war unglaublich stolz den gesamten Weg geschafft zu haben, aber auch total fertig. So fertig man halt ist, wenn der Körper hauptsächlich den Weg vom Parkplatz ins Büro als Bewegung gewohnt ist und die Lunge zu 60% aus Teer besteht. Doch Beides sollte sich ändern.

Liberté toujours

An einem Morgen, als ich zombiegleich durch die Gänge der Firma taumelte, um jemanden zu finden der mir einen Schein für den Zigarettenautomaten wechseln kann, stellte ich plötzlich fest, wie sehr ich das verabscheute. Mir wurde mit einem Schlag klar, dass Rauchen keine Freiheit ist, wie es das Unterbewusstsein eines Süchtigen beharrlich säuselt, und auch keine Entspannung sondern Abhängigkeit, Stress und vor allem Selbsterniedrigung. Ich wollte das nicht mehr, und so schrieb ich in diesem Moment meiner Frau eine Textnachricht, dass ich mit dem Rauchen aufgehört habe. Ganz bewusst habe ich nie gesagt „Ich versuche nicht mehr zu rauchen“ sondern nur „Ich rauche nicht mehr“.


Natürlich kamen trotzdem die Entzugserscheinungen, auch wenn ich mental so gefestigt war wie nie zuvor bei diesem Thema, aber da kam das Biken zur rechten Zeit. Mich total zu verausgaben, meine Grenzen zu suchen und zu finden, das erzeugte die gleichen Endorphine wie das Nikotin. Ich fand Ausgleich im Sattel und auch Glück. So wurde das Rad meine Ersatzdroge mit der ich das Rauchen schnell zurückdrängen konnte, süchtig nach dem Biken bin ich allerdings immer noch. Wenn ich ein paar Tage nicht auf’s Rad komme kriege ich schlechte Laune. Vielleicht hat mir der Status als Ersatzdroge sogar geholfen die ersten Wochen eben nicht den Mut zu verlieren.

In the beginning

Die ersten Monate waren eine wirklich schöne Zeit in welcher man seine Umgebung neu erkundet, in welcher jeder nicht-geschotterte Waldweg ein cooler Trail ist und wo jeder gefahrene Kilometer den Stolz wachsen lässt.

An vielen Stellen im Wald denke ich heute noch daran wie ich zum ersten Mal dort war, bei einigen Sackgassen weiß ich noch genau wie ich fluchend dort gedreht habe und wie Stolz ich an vielen Stellen war, sie nur mit Kraft meiner Beine überhaupt erreicht zu haben.

DSC_0620Ich lernte Orte kenne in deren Nähe ich schon jahrelang gewohnt hatte, aber eigentlich nie dort war. Ich kannte den Hagener Stadtwald mit seinen 3 Türmen nur vom Spazierengehen als Kind mit den Eltern. Die Hasper Talsperre ist mit dem Rad 10 Minuten von meiner Haustür, das Freilichtmuseum ebenso. Das Schloß Hohenlimburg, die Ruhr, die Glör- und Ennepetalsperre, alles Ziele die nach und nach erreicht wurden. Aus eigener Kraft – unglaublich.

Clavicula

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Anfang 2014 gab es dann einen Rückschlag, meinen ersten richtigen Unfall. Auf einem harmlosen Waldweg (Kategorie Waldautobahn) fuhr ich nach einer langen Tour an einem kalten Januarsonntag bergab. Unter dem Laub lag eine Plastiktüte, die dafür sorgte dass mein Vorderrad augenblicklich die Traktion verlor und ich stürzte –  Schlüsselbein hin. Ich bin sicher, wäre ich damals nicht schon so erschöpft gewesen hätte ich den Sturz vielleicht noch verhindern können, aber so fehlte Reaktionsgeschwindigkeit und Körperspannung dazu.

Es folgen 2 Monate ohne Radfahren. Nach 6 Wochen begann ich mit dem Laufen, um nicht komplett außer Form zu kommen. Erst im April traute ich mich wieder auf’s Rad, aber das gesamte Jahr 2014 fuhr ich mit extremem Respekt. Ich wollte auf keinen Fall erneut stürzen.

Zum Glück bin ich in der Zwischenzeit das ein oder andere Mal gestürzt, was bei diesem Hobby nun mal nicht ausbleibt,  ohne mich wieder in dieser schwere verletzen. Das war wichtig um wieder ein gesundes Verhältnis zu Risiko und Geschwindigkeit zu bekommen, um Trails auch wirklich genießen zu können. Bis heute bin ich aber dennoch eher einer der Vorsichtigen im Downhill.

Und nun?

Inzwischen fahre ich schon einige Zeit in der Gegend herum, und bin total angesteckt von diesem Hobby. MTB-positiv wie es ein Bekannter mal ausdrückte.

Ob das heilbar ist? Ich hoffe nicht.

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3 Bemerkungen

  1. Olli sagt

    Schöner Artikel! Gut, dass du es bis hierhin geschafft hast, dann kann man sicher noch mal die eine oder andere Tour zusammen fahren 🙂

    Gruß
    Olli

  2. rollinger sagt

    Toller Artikel. Gleich mal Dein Blog ins den Feedreader und Follow auf twitter.
    Ich könnte ähnliche Dinge wegen Übergewicht und Sport schreiben. Befreiend ist das und macht Stolz.

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